Interview mit Achim Purwin

(3) Knote und Karli

Knote und Karli Wo liegen ihre zeichnerischen Wurzeln?

Ich bin Autodidakt. Wie gesagt: Als Kind habe ich schon gezeichnet, später Wandzeitungen bei der Armee gestaltet. In Berlin kam ich in Kontakt mit Redakteuren von der GST-Presse, die mich ermunterten, mal was anzubieten. Was ich auch tat: Eine aus heutiger Sicht ziemlich grauenhaft gezeichnete Comic-Serie "Aero-Atze" für der Flieger-Zeitschrift "Aero-Sport", die - was mich natürlich richtig stolz machte und mächtig anspornte - auch gedruckt wurde. Na ja, eben ein Anfang!

Ich bin jedenfalls dem damaligen Chefredakteur Karl-Heinz Hardt zu großem Dank verpflichtet, weil er den Mut hatte, ideologiefreie Blödel-Streifen in seiner ziemlich hochkarätigen, auch international anerkannten Zeitschrift zu veröffentlichen. Obwohl sie - wie gesagt - zeichnerisch nicht gerade ausgereift waren, und die Figur "Aero-Atze" wohl auch zu sehr an der Trickfilm-Figur Fred Feuerstein angelehnt war. Na ja! - Es sind die Scherzchen der Anfänge. Damals natürlich wichtig, heute kann man sie vergessen. Aber sind nun mal Teil der Geschichte...

Zwischenzeitlich hatte ich auch Kontakt zur Sektion Karikaturisten im Journalistenverband aufgenommen, wurde Mitglied und konnte unter der Anleitung von großartigen Karikaturisten mein zeichnerisches Handwerk vervollkommnen. Wir organisierten selbst eine zeichnerische Ausbildung wie Aktzeichnen bei dem großartigen Zeichner Karl Schrader. Mein Mentor war Willy Moese, bei dem habe ich viel gelernt. Der Willy war ein sehr guter Lehrer, der vor allem forderte: Zeichne das und das, aber ja nicht so wie ich. Die Gefahr ist ja groß, dass man den Stil des Lehrers kopiert. Karikaturen zeichnen lernen heißt: Selber viel zeichnen, entwickeln, Ideen umsetzen. Nun ja - ein weites, umstrittenes Thema. Es gibt schlechte Zeichner, die aber hervorragende Ideen haben. Es gibt aber auch hervorragende Zeichner, besser Grafiker, die zwar ein bestechendes Werk aufs Papier bringen, das aber - so es ein Cartoon sein soll - kaum eine heitere Idee durchblicken lässt.

Was mir zum Beispiel in Bulgarien auffiel, wo ich viel rumsause, weil meine Gattin gebürtige Bulgarin ist. Daher habe ich viele Kontakte zu bulgarischen Zeichnern. Das sind zumeist an Hochschulen ausgebildete Grafiker. Und manche machen Witzchen auf "höherer" Grafikerebene, die finden das lustig, wenn ein Mann an der Lampe hängt und das auch grafisch hervorragend gemacht ist. Allerdings - als Witz ist das totaler Mist. Na ja, aber mir steht es kaum zu, über andere zu nörgeln. Man soll sich lieber um seinen eigenen Scheiß kümmern...

Hatten Sie irgendwelche Vorbilder im Comic?

Na ja - das Vorbild bestand mehr, wie oben gesagt, im leichten Anlehen an eine bereits existierende Trickfilmfigur. Das ließ ich aber schnell sein und forderte von mir die Entwicklung eine eigenen Stils. Und ließ es mit Vorbildern. Für unser GST-Jugendmagazin hieß es: Wir brauchten etwas zum Thema Jugendfreizeit, also ging es um Jugendliche, die durch alle Sportarten turnten. Wir wollten ja bei der Thematik der GST bleiben, wie auch schon in der Fliegerzeitschrift beim Flugwesen. Innerhalb der GST gab es allein im Flugsport wieder eine Unterteilung in Sportarten wie Fallschirmspringen, Segelfliegen, Motorfliegen, Modellflug, und aus diesen Bereichen kamen die Themen. Ich war technisch versiert, weil ich selbst Modelle gebastelt habe, Segelflieger, Kraftfahrer, Segler, Taucher, Schießsportler war, also hatte ich Ahnung davon. Und musste dementsprechend abstrahieren, um diesen Sportarten eine lustige Seite abzugewinnen.

Knote und Karli Es ging also hauptsächlich um Sport?

Um alles, was man als Jugendlicher in der die GST damals machen konnte: Motorrad und Lkw fahren, Modellbau, Fallschirmspringen, Segelfliegen, Motorflug, Kunstflug, Tauchen, Sportschießen, Segeln usw. Haben Sie selbst über das Thema der jeweiligen Folge entschieden, oder wurde das redaktionell abgestimmt? Das habe ich selbst bestimmt. Ich achtete nur auf thematische Abwechslung. Die Themen waren ja vielfältig. Und ich brauchte nicht die Helden in der vormilitärischen Ausbildung, das hieß für die Jugendlichen in der GST marschieren, schießen u.a.m., rumblödeln lassen. Dieses Thema war zu ernst, um sich auch noch darüber lustig zu machen. Und hätte garantiert politisch Ärger gegeben. Hier griff also auch schon mal bei mir die Selbstzensur...

Die beiden Titelhelden sind ja Charaktere, die man immer wieder findet, wie bei Dick und Doof, Bert und Erni, Clever und Smart...

Na ja, einer muss ein bisschen blöde sein und der andere muss anders sein. Einer ist der moralisch höher stehende, der andere macht lieber Blödsinn und fällt hin und wieder auf die Fresse. Man braucht ja ein gewisses Spannungsfeld, in dem sich die Helden bewegen. So lief das alles relativ wertfrei, und man schien es ‚oben' zu respektieren und drohte nicht mit "Dresche".

Ist Ihnen das mal passiert mit Knote und Karli?

Nein. Es quatschte auch keiner von da oben irgendwie mal rein. Ich hatte also schon eine gewisse Narrenfreiheit.

Gibt es denn noch unveröffentlichte Sachen von Knote und Karli? Haben Sie auf Vorlauf gezeichnet?

Nein. Ich lieferte immer zur aktuellen Produktion der Ausgabe, habe allmonatlich die Seite gemacht und dann ging es in den Druck.

Sie haben sich ja immer an den Aufbauder Seite in sechs Bildreihen gehalten. War das eine bewusste Entscheidung?

Ja! Es ging darum, die Seite und somit den Platz auszunutzen, und diese Aufteilung war das Beste, was man machen konnte. Und in diesem Raum eine kleine Geschichte abspulen zu können.

Wie kommt es, dass sie Farben immer gewechselt haben im Hintergrund?

Na ja, man will damit noch ein bisschen Stimmung ausdrücken, wenn da mal Action ist oder eine gewisse psychologische Situation. Die Hintergründe sind ansonsten auch nicht so ausgeschmückt, sondern es sind hauptsächlich die Farben, die die Veränderung bringen. Wenn es also z. B. ums Segeln auf dem Wasser geht, ist es naturgemäß vorwiegend blau, blau, blau wie der Enzian... , bei Äktschn wird es dann eben knallrot.

Knote und Karli Von wann bis wann erschien die Serie?

Die Nummer 1 erschien im Märzheft 1975 der "Sport und Technik". Da waren die Figuren noch nicht ausgereift, aber das bringt der Anfang mit sich. Die Serie war auf die Schnelle begonnen worden, später kriegten die Figuren etwas mehr Charakter. Im unserem Jugendmagazin erschien meine letzte Serie als Nr. 183, es war das Heft 5/1990. Dann wurde die Zeitschrift aus den bekannten politischen Umwälzungen eingestellt. Das heißt: Ich habe gut 15 Jahre lang allmonatlich einen Comic veröffentlich. Fast ein DDR-Rekord.

Die Folge 69 fehlt. War das ein Versehen, oder gab es vielleicht eine Sonderausgabe der Sport und Technik mit dieser Folge?

Sie fehlt nicht, sondern es wurde nur falsch nummeriert. Das kann nur an unserer Schlamperei gelegen haben. Vielleicht haben wir die Ausgabe bei einem größeren Bierfest zusammengestellt und ich kam mit der Nummerierung nicht mehr so ganz klar...

Mir war aufgefallen, dass Sie einmal innerhalb von zwei Folgen sehr viele Dinge verändert haben, und zwar fangen in Folge 93 die Großbuchstaben an, bis dahin hatten Sie immer klein geschrieben. In Folge 94 verschwinden die schwarzen Zwischenräume zwischen den Bildern. Wie kam es dazu?

Über die Textgestaltung haben wir oft nachgedacht, immer mit unserem Layouter getestet, bastelten viel herum, sammelten Erfahrung. Die Zwischenräume sahen ja manchmal aus wie Presskohlen, die haben wir dann später anders gestaltet. Das waren alles Lernprozesse.

In Folge 93 taucht außerdem der Rabe zum ersten Mal auf. Wie kam es dazu?

Wir wollten noch einen Gag draufsetzen. Und ich führte den Raben ein - ein lustiges, kluges Tier, der aber auch gern Blödsinn macht. Wir organisierten so einen Raben sogar als Handpuppe, der Rabe wurde schließlich Redaktionsrabe, wurde unser Maskottchen. Und wir fingen auch an, Rabentheater zu machen, ein Puppenspiel mit dem Raben, stiften später auch einen Rabenpreis, organisierten Rabenbier-Festspiele - und blödelten uns auch sonst mit dem Raben durch den Redaktions-Alltag. Bis mal einer sagte, wir sollen nicht zu sehr übertreiben. Das war, als wir die Rabomanie DDR-weit einführen wollten...

Sie haben sich den Namen des Raben im Leserwettbewerb finden lassen. Kamen da viele Zuschriften?

Ja, bergeweise. Wir hatten immer sehr viel Post, schon durch die Vermittlung von Kontaktadressen, "Suche Mädchen". Diese so genannten Leserkontakte liefen ganz gut. Wir hatten ja eine sehr hohe Auflage, und der größte Teil wurde verkauft. Was zeigte, dass unser Jugendmagazin doch recht beliebt - und auch preiswert war: 32 Seiten für nur 30 (DDR)-Pfennige.

Knote und Karli Ab Folge 104, 1984, wurde die S+T nicht mehr vierfarbig gedruckt, sondern hatte nur noch zwei Zusatzfarben, die entweder rot-gelb oder blau-gelb kombiniert wurden. Wo war denn die Farbe hin?

Wir bezeichneten sie als Schmuckfarben. Und es kam von oben: Die DDR musste an Valuta-Mittel sparen und damit auch am Einkauf von Druckfarben. Das hieß für uns: Auflage reduzieren (wegen Papierkosten!) und Farbe weg. Genehmigt waren nur zwei Schmuckfarben - siehe oben: blaugelb oder rotgelb. Das kam mir allerdings sehr genehm, denn ich wollte eigentlich gagbetont arbeiten, und die sparsam eingesetzte Farbe sollte etwas Besonderes ausdrücken. Im gesamten DDR-Pressewald wurde reduziert.

Die Technik kann man natürlich nicht mit der heutigen vergleichen. Damals wurde von der Schwarz-Weiß-Zeichnung eine so genannte Blaufassung angefertigt, die man dann kolorierte und die später mit dem schwarzen Original übereinander gedruckt wurde. Diese Blaufassung war eine schreckliche Angelegenheit, weil man die Schwarzform vorab in die Druckerei geben musste, dort wurde die Blaufassung produziert, die kam dann wieder, dann habe ich angefangen, sie zu kolorieren, dann gingen die Schwarz/weiße und die kolorierte Fassung wieder in die Druckerei. Elendige Arbeitsschritte damals für einen Zeichner...

In diesem Zusammenhang fällt auf, wie schnell Sie sich auf die Arbeit mit weniger Farben umstellten. Nach der letzten bunten Folge [103] haben Sie nur eine Folge lang alle Hintergründe ausgefüllt, danach mit weniger Farbe gearbeitet.

Das ist so meine Entwicklung geworden und die will ich forcieren. Weil ich meine, dass ich die Farbe nur einsetze für den Gag, ich will keine bonbonbunten Bildchen malen. Meine Lieblingsfarbe ist Indigo-Blau. Die bunten Comic-Gemälde sind zwar auch sehr schön, aber nicht meine Welt, weil ich kurz, knapp und schnell sein möchte. Dem Gag ist zunächst die Farbe egal.

Mir scheint, Sie haben dann auch die Mischung der beiden Farben als weitere Farbe genutzt.

Nö!. Das passierte wohl mehr versehentlich in der Druckerei. Das weiß ich jetzt nicht mehr so genau. Eigentlich - wenn ich gelb und blau übereinander drucke, kriege ich grün. Ja was habe ich da gemacht? Habe ich da wieder grün gezeichnet, oder haben die mir das untergejubelt? Aber die fortschreitenden Druckvorgänge waren schon nicht mehr mein Problem, waren sowieso meiner Kontrolle entzogen.

Wie lange haben Sie gebraucht für die Produktion einer Folge?

Die Idee der Geschichte entwerfen: 1 Stunde konzentrieren, Skizze zeichnen, dann etwa 3-4 Stunden Original-Schwarz-Weiß-Vorlage zeichnen, kolorieren noch mal ca. 3 Stunden.

Mit dem Farbversatz im Druck hatten sie nicht so große Schwierigkeiten wie andere Blätter, z.B. die TROMMEL.

Die S+T wurde in einer Druckerei des Ministeriums für Nationale Verteidigung gedruckt. Die hatten ganz gute Maschinen.

Hat es dann auch mal Kritik gegeben an irgendwelchen Comics, können Sie sich erinnern?

Eigentlich nicht. Die 70er Jahre waren relativ locker. In den 60er Jahren war das sicher politisch härter. Und derartige "ideologiefreie" Comics kaum möglich gewesen. Denn den Platz hätte man so schön mit Texten für die ideologische Arbeit volltexten können. Ich tummelte mich in der Zeitung hinten auf den Kulturseiten aus, war außerdem noch für zwei Auslandseiten verantwortlich. Weiter vorn in unserer Zeitschrift wurde mehr oder weniger die politische Linie abgearbeitet. Allerdings war ich wohl mit meinen Seiten wichtiger - viele Jugendliche lasen die Zeitung von hinten...

Ich habe irgendwo eine Anzeige gefunden über einen GST-Kalender oder Sport-und Technik-Kalender. Haben Sie darin auch Comics gemacht?

Nein! Es gab solche Kalender, auch Bildbände über die GST und Bildkalender. Die waren schon wieder zu politisch, denn in so einem GST-Kalender mit 12 Monaten musste als erstes Bild "Parteiführung und GST Hand in Hand" und dann alle Wehrsportarten irgendwie abgebildet werden. Da hatte ich mit meinem Bereich und meinen Themen nichts zu suchen. Erst recht nicht mit einem Comic!


<-- Sport+Technik ----- Karigrafie -->